Kernthemen neutestamentlicher Theologie

Hg. Armin D. Baum / Rob van Houwelingen, Gießen: Brunnen, 2022 (375 Seiten)

Das Neue Testament ist ein Sammelwerk von Texten vieler verschiedener Autoren mit ganz verschiedenen Gattungen und noch mehr theologischen Themen und Einsichten. Was sind die roten Fäden, die sich durch das Neue Testament hindurchziehen?

In diesem Themen- und Lehrbuch der neutestamentlichen Theologie entfalten 18 internationale Theologinnen und Theologen die theologischen Kernthemen des Neuen Testaments. Integriert werden auch selten berücksichtigte Fragen wie die nach Offenbarung und Geschichte, Heiden- und Judenmission, Leiden und Verfolgung, Gebet und Gebetserhörung.

Die Autoren sehen die neutestamentlichen Schriften als höchste Autorität in allen Fragen des christlichen Glaubens und bringen so die Botschaft des Neuen Testament auch für heute zum Klingen. Jedes Kapitel mündet in einen Ausblick auf die aktuelle Relevanz des Themas für den einzelnen Christen bzw. christliche Gemeinden und Kirchen.

Ein Lehrbuch nicht nur für Theologiestudierende und Pastoren, sondern auch für theologisch interessierte Bibelleser.

Jesus als einzigartiger Gottessohn: „Hohe“ und „niedrige“ Christologie bei Johannes und den Synoptikern

in: Kernthemen neutestamentlicher Theologie, Gießen: Brunnen, 2022, 60-75:

„Der durchschnittliche Bibelleser findet in allen vier kanonischen Evangelien eine hohe Christologie und liest sie unbefangen in der Annahme, alle vier zeigten uns Jesus als den einzigartigen Sohn Gottes, der mehr ist als ein Mensch. Ein genauerer Blick auf den unterschiedlichen Sprachgebrauch der Synoptiker und des Johannesevangeliums zeigt, dass diese Annahme nicht zutrifft …“

Wie löst man das synoptische Problem? – 4. Gedächtnispsychologische Analogien + 5. Die wahrscheinlichste Antwort

Zur Lösung des synoptischen Problems können neben synoptischen Texten aus mündlichen Kulturen auch synoptische Befunde aus der Gedächtnispsychologie einen wesentlichen Beitrag leisten. Solche interdisziplinären Beiträge aus Nachbardisziplinen ermöglichen eine besser begründete Antwort auf die synoptische Frage.

In der vierten Folge geht es um relevante Forschungsergebnisse aus der experimentellen Gedächtnispsychologie der letzten 100 Jahre. Zur Beantwortung der synoptischen Frage können sie folgende Erkenntnisse beisteuern:

  1. Die synoptischen Paralleltraditionen mit ihrem geringen Umfang waren für das Gedächtnis eines antiken Juden, der in einer Gedächtniskultur aufgewachsen war, gut zu bewältigen.
  2. Die erhöhte Wortlautidentität im poetisch geformten Parallelstoff der Synoptiker spricht dafür, dass an seiner Entstehung das menschliche Gedächtnis beteiligt war, das durch Wiederholung entlastet wird.
  3. Die Kombination von großer Übereinstimmung im Inhalt bei geringer Übereinstimmung im Wortlaut spricht dafür, dass an der Entstehung der synoptischen Paralleltraditionen das menschliche Gedächtnis beteiligt war, das sich Inhalte besser merken kann als Formulierungen.
  4. Da das menschliche Gedächtnis dazu neigt, entbehrliche Textelemente auszulassen, sprechen die Überhänge der Markusperikopen dafür, dass Markus in der Mehrzahl seiner Perikopen eine etwas ursprünglichere Form der Tripeltradition bewahrt hat als Matthäus (= relative Markuspriorität).
  5. Dass die Wortlautidentität zwischen den synoptischen Parallelperikopen der Wortlautidentität zwischen Paralleltexten aus der experimentellen Gedächtnispsychologie sehr ähnlich sieht, passt zu der These, dass bei der Entstehung der synoptischen Paralleltraditionen das menschliche Gedächtnis eine entscheidende Rolle gespielt hat.
  6. Dass Minor Agreements in auswendig reproduzierten Textfassungen auf natürliche Weise vorkommen, spricht ebenfalls dafür, dass bei der Entstehung der synoptischen Paralleltraditionen das menschliche Gedächtnis eine entscheidende Rolle gespielt hat.

Die fünfte Folge bietet ein Gesamtfazit: Der wissenschaftliche Gesamtbefund spricht für eine modifizierte Traditionshypothese (bzw. für eine in Richtung Traditionshypothese weiterentwickelte Zweiquellenhypothese). – Dieses Ergebnis gilt selbstverständlich nur bis zum Erweis des Gegenteils: Falls gezeigt werden kann, dass es auf einem Abschreibeverhältnis beruhende antike (oder moderne) Paralleltexte gibt, die den synoptischen Befund genauso gut oder besser erklären können, ist dadurch die hier begründete Erklärung relativiert oder sogar widerlegt.

Wie liest man die Bibel richtig?

in: erf.de

ERF: Die jüngsten Texte der Bibel sind zweitausend Jahre alt, manche sogar noch viel älter. Für viele Leserinnen und Leser sind diese nicht einfach zu verstehen. Wie kann man als Nicht-Theologe an die Bibel herangehen?

Armin Baum: Die Antwort ist ganz einfach: Lesen, lesen, lesen! Manche Leute haben so viel Respekt vor der Bibel oder vor anderen alten Texten, dass sie denken, sie könnten sie gar nicht verstehen. Deswegen fangen sie erst gar nicht an mit Lesen. Das Einfachste ist jedoch, einfach loszulesen. Sei es einen philosophischen Text von Platon, einen Bibeltext oder einen Text aus jüngerer Zeit. Man sollte nicht denken: „Am besten lese ich etwas über Platon oder über die Bibel.“ Sondern: „Ich lese die Bibel selber.“

https://www.erf.de/lesen/themen/leben/6866-542-7195

Die „Irrtumslosigkeit“ der Bibel: Zur Geschichte eines mehrdeutigen Begriffs

in: Evangelische Orientierung 3/2021, 6-7:

Die Formulierung, die Bibel sei „irrtumslos“, hat eine lange Geschichte. Sie kann sich aber noch nicht auf den biblischen Sprachgebrauch berufen. Ein gewisser Anknüpfungspunkt findet sich lediglich in einem an die Sadduzäer gerichteten Wort Jesu: „Ihr irrt, weil ihr weder die Schrift kennt noch die Kraft Gottes“ (Mt 22,29 par). Formulierungen zur Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift finden sich erstmals bei den lateinischen Kirchenvätern …

Wie löst man das synoptische Problem? – 3. Analogien aus mündlichen Kulturen

Um eine belastbare Antwort auf die synoptische Frage geben zu können, reicht es nicht aus, anhand einer griechischen Synopse die Übereinstimmungen und Unterschiede zwischen den Evangelien zu analysieren. Es müssen auch historische Analogien herangezogen werden. Dazu ist ein interdisziplinärer Ansatz erforderlich. Neben synoptischen Befunden aus der antiken Literatur (Chronik, Josephus usw.) sind vor allem synoptische Texte aus mündlichen Kulturen relevant.

Prof. Dr. Armin D. Baum (FTH Gießen) präsentiert in dieser dritten Folge synoptische Texte aus der mündlichen Literatur Südjugoslawiens (1930er Jahre), aus der mündlichen Literatur Nordamerikas (1890er Jahre) und aus der mündlichen Literatur Westafrikas (1960er Jahre). Darüber hinaus bezieht er auch synoptische Befunde aus der rabbinischen Überlieferung ein. Daraus ergeben sich mehrere Erkenntnisse:

  1. Eine mündliche Tradition hat (gegen Eichhorn, Morgenthaler u.a.) durchaus die Kraft, mündlich überlieferte Sätze bis auf den Wortlaut genau zu fixieren.
  2. In der antiken Literatur sind bisher keine Paralleltexte nachgewiesen worden, deren Verhältnis dem zwischen den Synoptikern so ähnlich ist wie die beiden Fassungen des rabbinischen Traktats Avot de Rabbi Natan A par B (und ähnliche rabbinische Paralleltexte).
  3. Die rabbinische Traditionsliteratur entstammt einem historischen Kontext, in dem ein „Nebeneinander von mündlicher und schriftlicher Überlieferung mit dem Vorrang des mündlichen Textes“ (Günter Stemberger) bestand. Daher ist anzunehmen, dass auch die Parallelen zwischen den synoptischen Evangelien nicht primär auf Abschreibevorgänge, sondern auf mündliche Überlieferungsprozesse zurückzuführen sind.

Fazit: Wenn wir uns von unserer „Schreibtischmentalität“ lösen und interdisziplinär nach historischen Analogien fragen, zeigt sich, dass das synoptische Problem am besten mithilfe eines starken mündlichen Faktors gelöst werden kann.

Müssen Christen sich an das Gesetz des Mose halten?

Um herauszufinden, wie es ist, wenn man sich genau an die Bibel hält, unternahm der US-amerikanische Journalist A. J. Jacobs (geb. 1968) ein interessantes Experiment. Er hielt sich ein Jahr lang so streng wie möglich an die über 700 Regeln, die er in der Bibel gefunden hatte. Vier Monate widmete er dem Neuen und acht Monate dem Alten Testament, vor allem den Gesetzen des Mose: Er spendete (nicht zehn Prozent aber) zwei Prozent seines Einkommens (Lev 27,30). Am Sabbat erledigte er keinerlei Arbeit (Ex 20,8). Er trug keine Kleidung aus Mischgewebe (Lev 19,19). Er hielt sich an die mosaischen Speisegesetze (Lev 11,2). Mit menstruierenden Frauen vermied er sieben Tage lang jeglichen Kontakt (Lev 15,19). Und an Gesetzesbrechern vollzog er (symbolische) Steinigungen (Lev 20,27).

Dieser Erfahrungsbericht zeigt, wie eigenartig es wäre, das Gesetz des Mose als Handbuch für die christliche Ethik zu verwenden. Christen, die sich daran halten würden, hätten ein außerordentlich schweres Leben und würden sich außerdem lächerlich machen. Natürlich sind das noch keine ausschlaggebenden Argumente …

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