Unpaulinische Stilmerkmale im 2. Thessalonicherbrief?

Unpaulinische Stilmerkmale im 2. Thessalonicherbrief? Die stilkritischen Argumente Wolfgang Trillings in statistischer Perspektive, in: Novum Testamentum 68 (2026) 54-85:

Fazit: „Die stilkritischen Einwände gegen die literarische Echtheit des 2. Thessalonicherbriefs, deren Grundzüge erstmals 1839 von Friedrich Heinrich Kern vorgetragen worden sind, erlangten erst auf aufgrund der 1972 von Wolfgang Trilling und 1990 von Daryl Schmidt veröffentlichen Stiluntersuchungen größeren Einfluss. Die von diesen beiden Exegeten angeführte Evidenz hat die Autoren zahlreicher Einleitungen in das Neue Testament und zahlreicher Kommentare zum 2. Thessalonicherbriefe davon überzeugt, dass der Stil des 2. Thessalonicherbriefs sich erheblich von dem der echten Paulusbriefe unterscheidet. Eine umfassende statistische Überprüfung der gesamten von Trilling und Schmidt angeführten Evidenz zu den unpaulinischen Stilmerkmalen des 2. Thessalonicherbriefs ergibt jedoch, dass sich zu sämtlichen Stilmerkmalen (der Plerophorie, den auffälligen Wendungen, den bevorzugten Wörtern und Wortfamilien sowie der Armut des Ausdrucks) enge Analogien im 1. Thessalonicherbrief, im Philipperbrief und in den vier sogenannten Hauptbriefen des Paulus finden. Dieses statistische Gesamtergebnis bestätigt die von Forschern wie Adolf Harnack, William Wrede, Béda Rigaux, Robert Jewett, Abraham Malherbe und Stefan Schreiber vertretene Überzeugung, dass sich die nachpaulinische Herkunft des 2. Thessalonicherbriefs nicht mit unpaulinischen Elementen seines Stils begründen lässt.“

Abstract: „The stylistic research conducted by Wolfgang Trilling and Daryl Schmidt on 2 Thessalonians has led numerous authors of New Testament Introductions and commentaries to conclude that the style of this epistle differs significantly from that of the genuine Pauline epistles. However, a comprehensive statistical examination of the evidence cited by Trilling and Schmidt demonstrates that there are close analogies to all these stylistic features in Paul’s undisputed letters. Therefore, the argument for the post-Pauline origin of 2 Thessalonians cannot be based on non-Pauline elements of its style.“

https://brill.com/view/journals/nt/68/1/article-p54_4.xml

Karte und Gebiet

Karte und Gebiet. Bibel und Wissenschaft in der transformativen Sexualethik von Thorsten Dietz und Tobias Faix, in: Biblisch erneuerte Theologie 9, 2025, 247-273:

„Das in diesem Jahr erschienene Buch von Thorsten Dietz (Erwachsenenbildung der Deutschschweizer Reformierten Kirchen) und Tobias Faix (CVJM-Hochschule Kassel) trägt den dreifachen Titel „Transformative Ethik. Wege zur Liebe. Eine Sexualethik zum Selberdenken“. Es beruht auf einer Podcast-Serie mit dem Titel „Karte & Gebiet“, in der die Autoren viele der im Buch schriftlich behandelten Themen bereits mündlich präsentiert haben.

Mit der ‚Transformation‘, um die es Dietz und Faix geht, meinen sie einerseits Veränderungsprozesse in Gesellschaft, Politik und Religion, die sich in der Vergangenheit vollzogen haben und die sie beschreiben und bei der ethischen Urteilsbildung berücksichtigen wollen. Als „Transformation“ bezeichnen sie andererseits aber auch ihre Zielsetzung: Sie wollen „nicht nur Wandel befördern, sondern grundlegende Veränderungen bewirken“. Mit ihrer transformativen Sexualethik beabsichtigen die Autoren, die klassische christliche Sexualethik, wie sie – in verschiedenen Varianten – in der offiziellen römisch-katholischen und der konservativen protestantischen (d. h. evangelikalen) Theologie vertreten wird, nicht nur zu verbessern, sondern durch einen neuen Ansatz zu überwinden. Sie wollen nicht nur Fehler einer traditionellen Sexualethik (also etwa eine unbiblische Leibfeindlichkeit oder ein absolutes Scheidungsverbot) korrigieren, sondern sie durch eine liberalere Sexualethik ersetzen.

Die Veröffentlichung ihres Buches „Wege zur Liebe“ verstehen Dietz und Faix ausdrücklich als „Einladung zum Gespräch“ (28), die ich mit diesem
Aufsatz gern annehme …

Hat der Glaube jemals Berge versetzt?

in: IDEA 25/2025, 20-22:

„Als Jesu Schüler sich darüber wunderten, dass ihr Lehrer in der Lage war, allein mit seinen Worten einen Feigenbaum verdorren zu lassen, antwortete er ihnen: „Wenn ihr Glauben habt und nicht zweifelt, so werdet ihr solches nicht allein mit dem Feigenbaum tun, sondern wenn ihr zu diesem Berge sagt: Heb dich und wirf dich ins Meer!, so wird’s geschehen.“ (Matthäus 21,21). Als die Jünger bei einer anderen Gelegenheit daran scheiterten, einen Jungen von seiner Epilepsie zu heilen (die im Neuen Testament als „Mondsucht“ bezeichnet wird), reagierte Jesus mit derselben Aussage über den bergeversetzenden Glauben (Matthäus 17,20). In einer Variante seiner Zusage sprach Jesus statt von einem Berg von einem Baum: „Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer!, und er würde euch gehorsam sein“ (Lukas 17,6).

Über Rabbi Eliezer ben Hyrkanos, einen bedeutenden jüdischen Schriftgelehrten (um 90–130 n. Chr.), wird im babylonischen Talmud berichtet, er habe einmal einen Johannisbrotbaum versetzt, um zu beweisen, dass seine Rechtsauffassung die richtige ist. Von dem kleinasiatischen Bischof Gregor mit dem Beinamen Thaumaturgos (der Wundertäter), der im 3. Jahrhundert lebte, erzählte man sich sogar, er habe Berge versetzt. Ich halte beide Erzählungen für unterhaltsam, aber legendarisch …“

Wurde unser Neues Testament bereits Mitte des 2. Jahrhunderts zusammengestellt?

(Besprechung von) C. Bemmerl, Der Jakobusbrief in der Alten Kirche. Eine Spurensuche vom Neuen Testament bis zu Origenes, WUNT 2/588, Tübingen: Mohr Siebeck, 2023, in: Theologische Literaturzeitung 150 (2025) 233-234:

„Bekanntlich enthält das Neue Testament Schriften, deren Existenz erst im 3. Jahrhundert n. Chr. sicher bezeugt ist. Zu ihnen gehört der Jakobusbrief, mit dessen früher Rezeptionsgeschichte sich B. in seiner an der Universität Regensburg von Tobias Nicklas betreuten Dissertation befasst hat …“

Warum durften Frauen im frühen Christentum nicht lehren (1 Tim 2,12)?

In 1. Tim 2,12 steht: „Ich erlaube einer Frau nicht zu lehren.“ Manche Exegeten halten diesen Satz für frauenfeindlich, weil er Frauen als minderwertig einstufe. Außerdem gibt es in christlichen Gemeinden sehr unterschiedliche Meinungen darüber, wie diese Anweisung heute umgesetzt werden sollte: Sollen Frauen überhaupt nicht lehren, nur nicht im christlichen Kontext lehren, nur keine Theologie lehren, nur keine Männer lehren oder nur nicht im Gottesdienst lehren?

Prof. Dr. Armin D. Baum (FTH Gießen) unterscheidet in seiner Interpretation zwischen der alttestamentlichen Begründung des Lehrverbots (in 1 Tim 2,14) und seinem kulturellen Kontext (der nicht ausdrücklich erwähnt wird). Er ist überzeugt, dass das Lehrverbot keineswegs frauenfeindlich war und als Teil des Wortes Gottes ernstgenommen werden sollte. Vor allem untersucht er, wie genau das Lehrverbot in seinem ursprünglichen kulturellen Kontext gemeint war und heute verstanden und angewendet werden kann.

The Historical-Critical Method in Biblical Studies: Its History, Potential and Limitations

The Historical-Critical Method in Biblical Studies: Its History, Potential and Limita-tions, in: The Bible Through the Ages. Its Nature, Interpretation, and Relevance for Today, Hg. L. Jaeger/C. G. Bartholomew, Grand Rapids: Zondervan, 2024, 222-248:

„The expression ‚historical-critical method‘ is ambiguous. Not just one, but (at least) two different methods of analyzing a given text are called ‚historical-critical.‘ Therefore, I will first look at this somewhat confusing terminology. Most influential books on New Testament methodology usually give much more room for exegetical than for historical method. For this reason, I will describe both the exegetical but also the historical method. In due course, I will not only highlight their strengths but also point out their limitations. Regarding both methods, the question arises what difference it makes whether exegetes or historians interpret biblical texts as Christian believers. This pneumatic or spiritual dimension of biblical studies is often omitted in textbooks on New Testament method. I will deal with it in relation both to exegetical and to historical interpretation of the New Testament. Finally, I will look at the relationship between the historical-critical method and a priori criticism of the miraculous. What is the main difference between a dogmatic or absolute and an open-minded approach to the supernatural elements in the biblical texts? …“

Deutsche Fassung: Die-historisch-kritische-Methode-in-der-Bibelwissenschaft-BeTh-3-2019-53-87.pdf