Woher kommen die stabilen Meinungsunterschiede in der internationalen Bibelwissenschaft? Eine wissenschaftssoziologische Antwort anhand des 2. Thessalonicherbriefs, in: New Testament Studies 72, 2026:
Während die große Mehrheit der deutschsprachigen Exegetinnen und Exegeten den 2. Thessalonicherbrief als nachpaulinisch betrachtet, hält ihn eine ebenso große Mehrheit der englischsprachigen Fachleute für paulinisch. Wie konnte sich in einer historischen Frage, die alle Forscher anhand derselben Evidenz bearbeiten, ein so starker Dissens herausbilden? Warum verläuft dieser Dissens ziemlich genau entlang einer Sprachgrenze? Und warum haben die echtheitskritischen Urteile der deutsch- und der englischsprachigen Forschung sich einander nicht im Laufe der Zeit angenähert? Um diese Fragen zu beantworten, ist es zwar unverzichtbar, unter einem spezifischen Blickwinkel die einleitungswissenschaftliche Diskussion der letzten 200 Jahre zur Verfasserschaft des 2. Thessalonicherbriefs zu rekapitulieren; die forschungsgeschichtliche Nachzeichnung historischer Entwicklungen führt jedoch lediglich zu einer Teilantwort. Die Beantwortung der Frage nach den Ursachen für den stabilen Dissens erfordert eine interdisziplinäre Perspektive, die nicht nur den Einfluss der hermeneutischen Neuorientierung der römisch-katholischen Theologie im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils berücksichtigt, sondern vor allem auch Erkenntnisse aus der Wissenschaftssoziologie. Die Hauptthesen der etablierten Analysemodelle von Ludwik Fleck (Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache) und Thomas Kuhn (The Structure of Scientific Revolutions), die auf ihrer Auswertung naturwissenschaftlicher Forschungen basieren, gelten auch für die Bibelwissenschaften: Auch bibelwissenschaftliche Echtheitsurteile sind kein zweipoliges Geschehen zwischen den Fachleuten und ihrem Untersuchungsgegenstand, sondern werden durch deren wissenschaftliches Umfeld mitbestimmt. Mit anderen Worten: Englischsprachige Exegetinnen und Exegeten gehen nicht nur dahin, ‘wohin die Evidenz sie führt’, sondern auch dahin, wohin die Forschergemeinschaft sie führt, der sie angehören. Dasselbe gilt mit umgekehrten Vorzeichen für ihre deutschsprachigen Kolleginnen und Kollegen. Im Idealfall verschafft ein verstärktes Bewusstsein für die sozialen Zusammenhänge, die auch auf jeden deutsch- und englischsprachigen Bibelwissenschaftler einwirken, den historischen und exegetischen Argumenten im internationalen Dialog mehr Gewicht.
