Fehlende paulinische Stilmerkmale im 2. Thessalonicherbrief?

Fehlende paulinische Stilmerkmale im 2. Thessalonicherbrief? in: Biblische Zeitschrift 70 (2026) 289-302:

Obwohl erste stilkritische Einwände gegen die paulinische Herkunft des 2. Thessalonicherbriefs bereits 1839 von Friedrich Heinrich Kern vorgetragen wurden, spielten stilkritische Argumente in der Echtheitskritik an diesem Brief lange keine bedeutende Rolle. Selbst William Wrede hat 1903 in seiner bis heute maßgeblichen Begründung der nachpaulinischen Entstehung des 2. Thessalonicherbriefs dem stilkritischen Befund keine entscheidende Bedeutung eingeräumt, sondern urteilte, es lasse sich „aus den sprachlichen Besonderheiten, die uns hier begegnen, an sich nichts Sicheres und Unanfechtbares gewinnen“.

Wesentlich mehr Gewicht erhielten die stilkritischen Argumente erst in der 1972 von Wolfgang Trilling veröffentlichten Monografie, der in seinem Kapitel zum Stil des 2. Thessalonicherbriefs zunächst dessen unpaulinische Stilmerkmale analysierte und anschließend „fehlende paulinische Stilmerkmale“ identifizierte. Im Einzelnen vermisste Trilling im 2. Thessalonicherbrief (1) diatribenartige Passagen, (2) rhetorische Fragen, (3) kurze Sätze, (4) knappe paränetische Imperative, (5) Parenthesen und (6) das Spiel mit den Präpositionen.

Auf Trillings stilkritische Argumente berufen sich bis heute zahlreiche Kommentatoren des 2. Thessalonicherbriefs. Für Maarten Menken gelten sie als ein „relatively objective argument against Paul being the author of 2 Thessalonians“. Auch für die Verfasser neutestamentlicher Einleitungen ist Trillings stilkritisches Kapitel bis heute ein wichtiger Bezugspunkt. Udo Schnelle notierte unter Berufung auf Trillings Monografie: „Im Gegensatz zu den Protopaulinen fehlen im 2Thess antithetische Formulierungen, diatribenartige Passagen und wirkliche Fragen (Ausnahme: 2Thess 2,5).“ …

https://brill.com/view/journals/bz/70/2/article-p289_7.xml